INNATEX #53: Nachhaltige Mode Trends für Winter 2024/2025

Kann sich Fair Fashion in diesen wirtschaftlich schwierigen Zeiten behaupten oder sogar wachsen? Eine Tendenz lässt sich am ehesten dort erahnen, wo viele unterschiedliche Akteure der Branche zusammenkommen. Auf der INNATEX, der größten Fach- und Ordermesse für nachhaltige Textilien, präsentierten sich vom 20.-22. Januar 2024 in Hofheim bei Frankfurt mehr als 300 Aussteller aus rund 20 Ländern. Unter dem Motto „GROW“ zeigte sich die Messe-Community zuversichtlich und für die Zukunft gewappnet. Der Veranstalter schlussfolgerte nach den Messetagen: „Es geht bergauf mit der Stimmung.“

Ich konnte selbst ein bisschen in die derzeitige Stimmungslage der Fair Fashion Branche eintauchen. Denn am 21. Januar 2024 folgte ich der Einladung von Fair Fashion Movement (dem Netzwerk für nachhaltige Mode im Frankfurter Raum) zur INNATEX zu kommen. Der Vormittag begann mit einem Community Treffen, gefolgt von einem Lounge Talk und einer geführten Tour über die Messe. Dabei stellten uns Fair Fashion Labels wie Story of Mine, Chapati und Living Crafts an ihren Ständen ihre neuen Kollektionen sowie Konzepte und Hintergrundinformationen zu den Kleidungsstücken vor. Den Nachmittag nutzte ich für einen Rundgang durch die zwei Messe-Stockwerke. Außerdem bot sich nach fünf Jahren Messe-Pause meinerseits endlich die Gelegenheit zu einem Wiedersehen mit ‚alten Bekannten‘ aus der Green Blogger Community – mit Mirjam von MY-GREENSTYLE, Sandra von LAI-CHUN sowie Nicola von FAIRNICA.

Das kommt in der Wintersaison 2024/2025

Mein Besuch auf der INNATEX war auf einen Tag begrenzt. Daher war es unmöglich, alle rund 300 Aussteller genau anzuschauen. Basierend auf meinem Messe-Rundgang folgt hier mein Eindruck, welche nachhaltigen Mode Trends uns im Winter 2024/2025 erwarten:

#1: Weiche, wärmende, natürliche und teilweise noch wenig bekannte Woll-Arten von hoher Qualität wie Alpaka, Possum, Waschbär (Racoon) und Yak. Gesehen u.a. bei Apoil, Dainika, Posseimo.

#2: Abwechslungsreiche Materialhaptik von fein bis grob – mit Samt, Strickjaquard, Wollfilz, Bouclé und Teddy. Gesehen u.a. bei Chills & Fever, Lana, King Louie, Kings of Indigo, Mazine.

#3: Recycelte Materialien und Upcycling Designs waren und bleiben wichtige Themen. Beispiele dafür sind zunehmende Unterscheidung in ‚pre-consumer‘ und ‚post-consumer‘ recycled plastic, Kleidung im Patchwork Design und Rucksäcke aus ausgedienten Airbags. Gesehen u.a. bei Airpaq, Chapati, Kings of Indigo.

#4: Mode aus alternativen Materialien, die überraschen. Zum Beispiel elegante Taschen aus Kaktus-Leder, wasserdichte Schuhe und Taschen aus Hanf, flexible Sneaker Sohlen aus Algen oder hautschmeichelnde Unterwäsche aus Sojafaser. Gesehen bei Consci, ZD Zero Defects und 8000 Kicks.

#5: Schals und Tücher in lebensfrohen Farben und Mustern. In unterschiedlichen Materialien von luftig-leichter Seide bis kuschlig-umhüllender Alpakawolle. Gesehen u.a. bei Ahmaddy, Alexandra Schmitz, Estelle, KUNA by Apu Kuntur, Salto.

Fair Fashion Labels to watch

Diese Eco-Fair Fashion Unternehmen, denen ich auf der INNATEX begegnet bin, sind für mich spannende Neuentdeckungen:

APOIL // Die französische Brand bietet klassische wie auch trendige Kleidungsstücke, hauptsächlich aus den hochwertigen Fasern Kaschmir, Yak und Waschbär an. Alle Teile sind handgefertigt in Nepal, wodurch diese alte Handwerkstradition mit fairen Preisen in ihrem Fortbestehen unterstützt wird. Mir besonders positiv aufgefallen: der Mut zu lebhaften Farben und modernen Prints.

CONSCI // Florina Thaler, die Gründerin des jungen Labels aus Frankfurt, hat es sich zur Aufgabe gemacht, den eleganten Look klassischer Lederwaren mit veganem KAKTUSLEDER zu erreichen. Das innovative Material punktet nicht nur dank extrem niedrigen Wasserverbrauch und ‚carbon negative farming‘, sondern überzeugt auch mit Langlebigkeit und Strapazierfähigkeit. Der ‚Härte-Test‘ am Messestand zeigte: beim Kratzen mit einer Schere auf dem Kaktusleder bleiben so gut wie keine Spuren zurück.

C/OVER // Mit dem Einsatz von Rundstrickmaschinen geht Christine Overbeck, die Gründerin des Münchner Labels, neue Wege. Das Ergebnis: futuristisch anmutende Kleidung mit dreidimensionaler Struktur und gepolsterter Haptik. Keypiece ihrer Kollektion ist ein schwarzes, größen-inklusives Zero-Waste Kleid, das zu 98% aus biologisch abbaubarem Polyamid besteht. Ein weiteres Highlight ist für mich definitiv der DRAHDI Pencil Skirt.

Christine Overbeck, Gründerin des Fair Fashion Labels C/OVER stellt ihre Strick-Kollektion auf der INNATEX #53 aus.
Christine Overbeck präsentiert ihre innovative Strick-Kollektion unter dem Label C/OVER und wurde damit zu einer der INNATEX Design Discoveries gekürt.

DAINIKA // Hochwertige Kleidungsstücke aus Yak, Alpaka und Kaschmir in eleganten erdigen Farbtönen, aber auch in sanften Pastellfarben und satten Beerentönen, warten in der nächsten Wintersaison auf uns. Schmeichelnde Schnitte erhöhen den Wohlfühl-Faktor zusätzlich. DAINIKA ist eine neue Marke der Himalaya Textilhandels GmbH, die sich damit einen weiteren Kundenkreis erschließen will.

MAZINE // Die 100% vegane Bekleidungsmarke bietet lässige Streetwear an. Seit einigen Jahren stellt das Unternehmen auf nachhaltige Materialien um und verwendet heute hauptsächlich GOTS-zertifizierte Baumwolle und recyceltes Polyester. Mit Blick auf die kommende Wintersaison können wir uns auf schöne, warmen Winterjacken in pastelligen Farben freuen.

PAKILIA // Das Unternehmen betreibt fairen Handel mit vielseitigem Silberschmuck aus Mexico. Alle Stücke werden von traditionellen KunsthandwerkerInnen handgefertigt, wobei sich jedes der Familienunternehmen auf eigene Designs spezialisiert. Auf Wunsch können die Schmuckstücke auch individualisiert werden.

Der Pakilia Messestand auf der INNATEX #53.
Hier ist nur eine kleine Auswahl zu sehen. Auf der Pakilia Plattform finden sich viele unterschiedliche Stile an Ketten, Ohrringen, Armschmuck und Ringen aus (oftmals recyceltem) Silber.

WAYZ // Das Sneaker Unternehmen vereint cooles Design und umweltfreundliche Materialien, wie pflanzlich gegerbtes Leder, recyceltes Polyester und recyceltes Gummi. Außerdem können die Sneaker repariert, die Sohlen sogar komplett getauscht werden. Transparenz steht im Vordergrund: auf der Website finden sich Infos zu den eingesetzten Materialien, zum Sourcing und zur Produktion sowie zur Kostenstruktur der Sneaker.

Des Weiteren freue ich mich sehr auf die business-tauglichen Winterkollektionen 2024/2025 der Eco-Fair Fashion Labels Alma & Lovis, Lana und Lanius sowie auf die bunten Socken mit Gute-Laune-Garantie von DillySocks.

Winterkollektion 2024/2025 vom Fair Fashion Label Alma & Lovis auf der INNATEX #53.
Teile der Winterkollektion 2024/2025 von ALMA & LOVIS auf der INNATEX #53

Zwischen Zuversicht und Kostendruck

Trotz aller positiven Vibes in den Gesprächen und der Vorfreude auf den nächsten modischen Winter, ging mir während meines INNATEX Besuchs immer wieder die Frage durch den Kopf: Wie wird sich wohl die zunehmende Kaufzurückhaltung auf die vielen engagierten Fair Fashion Unternehmen hier auswirken?

Denn negative Veränderungen durch die angespannte wirtschaftliche Lage sind definitiv spürbar. Nicht wenige Fair Fashion Labels (darunter einige, die ich selbst ab 2017 kennengelernt habe) sind leider schon wieder verschwunden. Manche Händler, die ihre Öko-Mode-Läden mit viel Herzblut betreiben und die Corona-Krise überstanden, denken übers Aufgeben nach. Hersteller versuchen noch effizienter und kostengünstiger zu produzieren, wobei der Spielraum bei ethischer, umweltbewusster Produktion und zusätzlich gestiegenen Material- und Produktionskosten begrenzt ist. Prozessoptimierung wird zum entscheidenden Faktor für Kosteneinsparungspotenziale. Viele Hersteller und Händler werden Gewinnschmälerungen in Kauf nehmen müssen, um die Preise relativ stabil zu halten.

Während das Segment der Luxusmode sich sehr resilient zeigt und Ultra Fast Fashion kontinuierlich wächst, ist die Nachfrage nach Fair Fashion preisempfindlich – erst recht bei weiter steigenden Lebenshaltungskosten. Selbst LOHAS, die sich bisher gern nachhaltige Mode gönnten, könnten in 2024 weniger Budget für Fair Fashion übrig haben. Erfreulicherweise gibt es weiterhin nachhaltige Marken, die für das kleinere Portemonnaie erschwinglich sind und viele Bereiche von Alltagskleidung abdecken. Auf der INNATEX waren solche Marken zahlreich vertreten, darunter Comazo, Dedicated, Greenbomb, Living Crafts, Recolution, SKFK und Tranquillo

Lounge Talks

Abgerundet wurde die Messe mit Lounge Talks zu spannenden Themen. Am Sonntag hatte ich die Gelegenheit, mir die beiden Vorträge ‚Storytelling als Strategie‘ und ‚Digitale Trends als Chance‘ anzuhören. Diese wurden kurzweilig moderiert von Mirjam Smend von GREENSTYLE.

Die Zusammenfassung der Lounge Talks basiert auf meinem Notizen.

Talk 1: Storytelling als Strategie

Lounge Talk zum Thema Storytelling als Strategie für nachhaltige Unternehmen auf der Messe INNATEX #53.
Von links nach rechts: Mirjam Smend, Mara Javonovic, Anfisa Roumelidi und Yvonne Ley

Das große Anliegen der Fair Fashion Branche ist es, nachhaltige und ethische Praktiken in der gesamten Modeindustrie zu etablieren und für eine breite Masse von Verbrauchern attraktiv und zugänglich zu machen. In erster Linie muss natürlich das Produkt überzeugen. Und: mit reinen Fakten über Nachhaltigkeitsaspekte lässt sich nur bedingt das Interesse von Konsumenten an nachhaltiger Mode wecken. Besser ist Storytelling, also ansprechend verpackte Geschichten, über die nachhaltigen Maßnahmen der Fair Fashion Labels.

Faktor #1: Transparenz. Indem nachhaltige Unternehmen auf interessante Weise, offen und ehrlich über ihre Lieferketten, Produktionsprozesse und Nachhaltigkeitskonzepte berichten, kann Storytelling dazu führen, das Vertrauen der Verbraucher zu gewinnen. Vielfältige Möglichkeiten für Storytelling bieten sich über die gesamte Lieferkette hinweg, wie Yvonne Ley von Lanius aufzeigt: Lanius informiert über die verschiedenen Produktionspartner, klärt auf über verwendete Materialien, Verarbeitungsschritte und Transportwege und gibt Tipps zu Pflege, Reparatur und Weiterverkauf von Kleidungsstücken.

Faktor #2: Glaubwürdigkeit. Greenwashing konventioneller Modehersteller konterkariert die Bemühungen von engagierten Fair Fashion Labels. Gleichzeitig gibt es kein zu 100% nachhaltiges Unternehmen. Wichtig ist es, glaubwürdig aufzuzeigen, welche Bemühungen in punkto Nachhaltigkeit gut funktionieren und wo noch Handlungsbedarf besteht. Das können zum Beispiel Geschichten sein über die Menschen hinter den Produkten, die Herstellungsmethoden oder warum bestimmte (auch weniger nachhaltige) Materialien (noch) verwendet werden. Diese Geschichten sollten durch hochwertige Fotos oder Videos visuell untermauert werden. Die Wirkung von hochwertig geshooteten Fotos wird von vielen Fair Fashion Labels noch unterschätzt, sagt Mara Javonovic von Textilwirtschaft.

Faktor #3: Emotionalisieren: Anfisa Roumelidi zeigt im Talk auf, wie Mode emotional berühren kann. Die Kleidungsstücke der aufstrebenden Designerin aus Griechenland zeichnen sich durch unkonventionelle Schnitte, einen trendigen Materialmix und eine tiefgründige soziale Botschaft aus. Denn Anfisa bezeichnet ihre Kollektion als „Weltbürgerin Kleidung“, die für Vielfalt, Inklusion und Freiheit steht. Ihr Ziel ist es, der Trägerin ihrer Kleidungsstücke ein Gefühl von Schutz und Geborgenheit zu vermitteln – ihre Kleidung wird zur „Schutzheimat“. Somit geht Anfisa mit ihrer Mode weit über das Funktionale hinaus und erzeugt mit ihrer Kleidung eine tiefe emotionale Resonanz.

Fazit: Storytelling kann dazu beitragen, das Bewusstsein der Verbraucher für die verschiedenen Facetten von Nachhaltigkeit zu schärfen und eine starke emotionale Bindung zwischen Marke und Kunde zu schaffen. Emotional nachgefragte Unternehmen haben das Zeug, auch in einem wirtschaftlich schwierigem Umfeld zu wachsen. Außerdem trägt authentisches Storytelling dazu bei, Greenwashing zu bekämpfen und den Wandel hin zu einer tatsächlich nachhaltigeren Modeindustrie voranzutreiben.

Talk 2: Digitale Trends als Chance

Lounge Talk zum Thema "Digitale Trends als Chance" für nachhaltige Unternehmen auf der Messe INNATEX #53.
Von links nach rechts: Mirjam Smend, Ilona Kötter und Christine Overbeck

Digitale Mode: Diese hat in verschiedenen Bereichen bedeutende Fortschritte gemacht, wie Ilona Kötter von AMD Akademie Mode & Design aufzeigt. Insbesondere im Gaming-Sektor hat digitale Mode eine feste Basis gefunden, indem sie erfolgreich für die Gestaltung von Avataren verwendet wird. Einige Modeunternehmen testen die Möglichkeiten virtueller Anproben (meine Ergänzung: in Shopping Apps mithilfe von Augmented Reality (via VR-Brillen) oder mithilfe von Avataren, die Kunden in Test-Filialen erstellen lassen können). Ein weiterer Trend ist das Tragen digitaler Mode durch reale oder virtuelle Influencer, die diese Kleidungsstücke auf ihren Social-Media-Kanälen präsentieren. Der Verschwendung physischer Ressourcen durch den Social Media Trend ein Kleidungsstück für nur ein einziges Foto zu tragen, könnte durch das Posten digitaler Kleidung entgegengewirkt werden. Laut einer McKinsey Studie ist der Hype um digitale Mode vom Anfang der 2020er zwar etwas abgeflacht, es wird jedoch erwartet, dass Modeunternehmen kurz-bis mittelfristig ca. 5% ihres Umsatzes im Metaverse erwirtschaften können.

Digitale Tools zur Prozessoptimierung: Digitale Anwendungen ermöglichen eine Optimierung verschiedener Produktionsprozesse in der Modebranche. Vieles davon wird bereits von großen, technikversierten Modeherstellern eingesetzt oder getestet und könnte nach und nach auch in der nachhaltigen Modebranche eine Rolle spielen. Zum Beispiel erklärte Christine Overbeck, Gründerin des Fair Fashion Labels C/OVER, wie durch gezielte Programmierung von Rundstrickmaschinen ihre Zero-Waste gestrickte Kleidung ermöglicht wird. Darüberhinaus nannte Ilona Kötter von AMD Akademie Mode & Design weitere digitale Tools, die für die Öko-Mode Branche interessant sind: 1) KI-Tools können für Trend-Forecasting und Mengenplanung genutzt werden und so Überproduktion reduzieren. 2) Durch das Bereitstellen von Kleidungsstücken in 3D-Ansichten in Online-Shops können Konsumenten bessere Kaufentscheidungen treffen und dadurch die Retourenquoten gesenkt werden. 3) Die digitale Mustererstellung kann zur Abfallreduzierung beitragen. 4) Der Einsatz von 3D-Druckern vor Ort kann eine schnellere, individuelle Produktion ermöglichen und Transportkosten reduzieren. Hürden können sein: Investitionen in digitale Tools sowie Know-how und Kapazitäten für die Entwicklung und Programmierung digitaler Prozesse. Außerdem muss der Energieverbrauch für die benötigte Rechenleistung in die Ökobilanz eingerechnet werden.

Das war mein Rückblick auf einen spannenden Messetag auf der INNATEX und ich freue mich jetzt schon auf die nächste Ausgabe im Juli.

Mich interessiert deine Meinung: Ist ein Trend für den nächsten Winter dabei, der dich total anspricht? Und wie wirken sich die steigenden Lebenshaltungskosten auf deinen (nachhaltigen) Modekonsum aus? Lass mir gern einen Kommentar da.

Quellen und weiterführende Informationen:

https://www.businessoffashion.com/reports/news-analysis/the-state-of-fashion-2024-report-bof-mckinsey/

https://www.mckinsey.com/de/news/presse/2022-05-03-state-of-fashion-technology

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