Let’s talk eco…mit Jessica Könnecke von MIT ECKEN & KANTEN

Unfassbar viele Produkte wandern ungenutzt in den Müll. Aufgrund kleiner Schönheitsfehler oder weil das Mindesthaltbarkeitsdatum (MHD) überschritten ist. Obwohl viele dieser Produkte noch verwendet werden können. Und das nur, weil wir darauf konditioniert sind, rundum perfekte Produkte zu kaufen. Zeit für ein Umdenken!

Das dachte sich Jessica Könnecke und gründete im November 2017 ihren Online-Shop MIT ECKEN & KANTEN. Darüber vertreibt sie so genannte B-Ware mit kleinen Makeln: sei es ein Produkt, das als Muster diente, einer vergangenen Kollektion angehört, eine veraltete Verpackung hat oder eine kleine Beschädigung aufweist. Alle Produkte sind noch perfekt nutzbar, sowie fair und umweltfreundlich hergestellt. Denn auch nachhaltige Unternehmen produzieren Ausschussware, die sie sonst entsorgen würden. MIT ECKEN & KANTEN bietet diesen aussortierten, nachhaltigen Produkten mit Preisnachlässen von bis zu 50% eine zweite Chance.

Ich finde MIT ECKEN & KANTEN einfach genial und rundum perfekt: Vom Konzept und dem Namen, über das Produktangebot und den Kundenservice bis hin zum Web und Social Media Auftritt. Darum freue ich mich sehr, dass ich Jessica kürzlich interviewen durfte und die Einblicke in ihr nachhaltiges Unternehmen hier mit euch teilen kann.

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Liebe Jess, aktuell gibt es bei MIT ECKEN & KANTEN die Kategorien Fair Fashion, Naturkosmetik, Zero Waste und Lifestyle. Welche liegt dir besonders am Herzen und warum?

J E S S   Mein Herzensthema ist ganz klar Fair Fashion – schließlich ging es auf meinem Blog ‚The Liveliest‘ darum und auch die Idee von MIT ECKEN & KANTEN entstand nach Praktika bei Fair Fashion Labels. Dort habe ich gesehen, dass es in der Modebranche viele Musterteile gibt, die normalerweise vernichtet werden. Ich möchte die Menschen dafür sensibilisieren, dass diese Kleidungsstücke noch getragen werden können, und über MIT ECKEN & KANTEN eine Plattform dafür bieten.

Aber mir sind alle Kategorien wichtig, um zu zeigen, wie viele unterschiedliche Produkte gerettet werden können. Das ist vielen Leuten ja gar nicht bewusst. Zwei Beispiele aus unserem Shop: Superfoods in Pulverform können noch lange nach Überschreiten des Mindesthaltbarkeitsdatums (MHD) gegessen werden und das CBD Öl in unserem Sortiment ist im Kühlschrank noch ein Jahr nach Ablauf des MHD haltbar. Aktuell verkaufen wir auch eine Deocreme, die durch den heißen Sommer 2019 körnig geworden ist, aber nichts an Qualität eingebüßt hat. Jetzt verkaufen wir sie im Laden, wo wir unseren Kunden das Produkt und dessen vermeintlichen Makel genau erklären können. Wir fragen diesbezüglich immer bei den Herstellern nach und geben diese Informationen an unsere Kunden weiter.

Neben vielen unperfekten Produkten bietest du seit längerem auch T-Shirts mit der Aufschrift „Why so perfect, honey?“ an. Was hat dich dazu bewegt?

J E S S   Ich habe mir gleich zu Anfang überlegt, dass ich einen Claim möchte, der meinen Online Shop beschreibt, aber auch auf Menschen übertragen werden kann. Für mich ist es eine Herzensangelegenheit, zu zeigen, dass wir nicht perfekt sein müssen. Das betrifft alle Bereiche des Lebens, aber im Besonderen das Thema Nachhaltigkeit, wo meiner Meinung nach sehr viel Druck aufgebaut wird. In den Sozialen Medien, besonders auf Instagram, präsentieren wir oft nur die Dinge, die wir gut machen. Das vermittelt ein falsches Bild, wie wir wirklich leben. Denn wenn wir ehrlich sind, fangen wir alle mit kleinen Schritten an. So ist zum Beispiel „Less Waste“ viel realistischer umzusetzen als „Zero Waste“.

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Wie schaffst du den Spagat, ein erfolgreiches Business zu betreiben und gleichzeitig nicht selbst in die Perfektionsfalle zu tappen?

J E S S   Bei MIT ECKEN & KANTEN geht alles über „learning-by-doing“. Bei uns ist nichts perfekt! Bis vor wenigen Wochen arbeiteten wir zu fünft in unserem Büro, das gleichzeitig unser Lager war. Und auch unseren Laden in Nürnberg nutzten wir zusätzlich als Lager. Wir platzten echt aus allen Nähten! Und wir sind nun mal ein kleines Team. Das bedeutet, dass wir Pakete nicht innerhalb von ein bis zwei Tagen verschicken können, so wie große Online-Händler das machen. Aber viele Leute können sich einfach nicht vorstellen, wie es bei uns abläuft. Deswegen geben wir auf unserem Instagram Kanal regelmäßig Einblicke in unsere Arbeit. Ich mache mir zwar auch Stress, wenn bestimmte Abläufe nicht so sind, wie sie sein sollten, zum Beispiel wenn ein falsches Produkt verpackt wurde oder ein Paket verschwunden ist. Aber ich versuche, solche Fehler zu reflektieren und sie mir nicht zu sehr zu Herzen zu nehmen. Perfektion bringt hier nichts. Weil jeder Tag anders ist und wir jeden Tag dazulernen.

Du hast eben Euren schönen Instagram Kanal angesprochen. Mittlerweile habt Ihr über 23 Tausend Follower. Kannst Du uns darüber etwas mehr erzählen?

J E S S   Die sozialen Medien sind für unser Marketing extrem wichtig. Am meisten nutzen wir Instagram. Aber auch Facebook funktioniert sehr gut für die Ankündigung von Events, unseren Ladenöffnungszeiten oder wenn wir Workshops anbieten. Und seit kurzem sind wir auch auf Pinterest zu finden. Ohne Social Media wären wir sicher nicht so stark gewachsen und hätten nicht so eine starke Community. Unsere ‚Audience’ auf Instagram sind zu 95% Frauen. Instagram ist wirklich ein super Kanal, um direkt Fragen zu stellen und Feedback von unseren Kundinnen einzuholen, wie: „was interessiert unsere Community“ oder „welches Produkt gefällt Ihnen am besten“? Auch unser Kundenservice läuft größtenteils über Instagram, zum Beispiel beantworten wir Fragen unserer Community, wann neue Produkte reinkommen. Je mehr wir wachsen, umso mehr Zeit stecken wir in den Austausch mit unseren Followern, was ich alleine nicht mehr abdecken kann. Deshalb teile ich mir die Arbeit für unseren Instagram Kanal jetzt mit Natalie. Es macht mir aber echt sehr viel Spaß, deshalb kann ich mir momentan auch nicht vorstellen, das Thema komplett abzugeben.

Mittlerweile hast du einen Laden in Nürnberg und ein Team mit fünf Mitarbeitern. Hast du bei der Gründung mit diesem Wachstum gerechnet?

J E S S   Ich hatte keinen genauen Plan, wie MIT ECKEN & KANTEN wachsen sollte – auch wenn ich mir natürlich gewünscht habe, dass ich irgendwann Unterstützung bekomme. Zunächst habe ich geschaut, wie lange ich die Arbeit alleine stemmen kann und dabei organisch wachse. Ich bin ja ohne Investoren gestartet und hatte somit weniger Druck, schnell zu wachsen. Dadurch konnte ich viel austesten und auch mein Team langsam aufbauen. Für mich ist diese Art von Wachstum die nachhaltigere Variante. Am Anfang ist es natürlich schwierig vorherzusehen, wie sich ein Unternehmen entwickelt. Aber ich bin sehr zufrieden mit der Entwicklung.

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Welche Pläne hast du für MIT ECKEN & KANTEN für 2020 und die nächsten Jahre?

J E S S   Wenn alles klappt, möchte ich weitere Läden in anderen Städten eröffnen. Aber ich bin kein Fan davon, verschiedene Baustellen gleichzeitig aufzumachen und mich dann zu verzetteln. In dieser Hinsicht möchte ich jeden Schritt perfekt organisieren, damit ich die einzelnen Projekte optimal umsetzen kann. Was den Online Shop angeht, wollen wir die Kategorien ausweiten und mehr Hersteller aufnehmen. Denn wir bekommen immer mehr Anfragen, auch von größeren Unternehmen.

Welche Tipps gibst du Leser*innen, die ein nachhaltiges Business gründen wollen?

J E S S   Wer eine Idee hat, sollte auf jeden Fall erst mal Feedback dazu einholen. Das kann im Freundeskreis sein oder auch bei potenziellen Kunden. Am Anfang hatte ich Angst, meine Idee nach außen zu tragen und ich hatte Zweifel, ob die Leute dann auch tatsächlich kaufen. Aber ich konnte meine Angst allein dadurch reduzieren, dass ich mit Leuten über meine Geschäftsidee geredet habe. Deshalb ist der wichtigste Tipp: Nach draußen gehen mit der Idee. Und dann einfach mal anfangen. Es braucht am Anfang keine perfekte Website und keinen perfekten Instagram Kanal. Wenn die Leute Vertrauen zur Person und zum Business aufbauen, dann kommt auch das Wachstum.

Was Förderungen für nachhaltige Unternehmen betrifft, gibt es meiner Meinung nach noch zu wenig Angebot. Da würde ich mir mehr Support wünschen. Aber eine gute Möglichkeit für Gründer, um Aufmerksamkeit zu bekommen, sind Wettbewerbe. Ich habe am Anfang bei einigen Wettbewerben mitgemacht. Ich empfehle dennoch zu selektieren, welcher Wettbewerb überhaupt zum Unternehmen passt. Und wenn ein Start-Up finanzielle Unterstützung für die Produktion seiner Produkte sucht, ist Crowdfunding eine super Sache.

Und dann natürlich: Dranbleiben. Ich bin ohne großes Kapital gestartet und habe die Produkte zunächst auf Kommissionsbasis verkauft. So konnte MIT ECKEN & KANTEN organisch wachsen. Insgesamt finde ich es schön zu sehen, dass immer mehr Leute Nachhaltigkeit wichtig finden und auch beginnen umzusteigen – als Konsumenten oder als Unternehmer.

Du betreibst MIT ECKEN & KANTEN ganz klar mit viel Energie und Leidenschaft. Aber du hast sicher auch mal Momente, wo dir alles zu viel wird, oder?

J E S S   Klar, gibt es auch bei mir mal ein Motivationsloch. Ich bin abends oft zu müde für Sport. Dabei weiß ich, dass Abhängen auf der Couch mir nicht gut tut, selbst wenn es sehr verlockend ist. Am besten sind aktive Auszeiten für mich, wie zum Beispiel Spinning oder Yoga. Danach bin ich wieder kraftvoller und habe einen klaren Kopf, um für den Shop zu arbeiten. Solche Auszeiten sind extrem wichtig, aber es ist ehrlich gesagt auch nicht einfach für mich. Durch die Selbständigkeit bin ich mit meinem Kopf fast nur im Unternehmen. Nach der Ladeneröffnung im letzten Jahr ging es mir ziemlich schlecht, weil ich lange zu viel Stress hatte. In dieser Phase habe ich meinen Körper noch mal besser kennengelernt und achte jetzt mehr auf mich.

Gibt es abschließend noch etwas, was Du unseren Leser*innen sagen möchtest?

J E S S   Ja, mir ist unglaublich wichtig, dass wir als Gesellschaft weniger konsumieren und weniger wegwerfen. Darum machen wir von MIT ECKEN & KANTEN auch nicht beim Black Friday mit. Stattdessen rufen wir auf Instagram mit dem Hashtag #lassmalretten dazu auf, gemeinsam unsere Erde (und Produkte) zu retten. Außerdem unterstützen wir die Initiative White Monday. In Nürnberg organisieren wir Abende zum Thema: „Wie können wir anders konsumieren?“ Ich glaube daran, dass das „Retten“ von Lebensmitteln, Kleidung und Produkten in den nächsten Jahren zu einer neuen Form des Konsumierens führen wird.

Und ich möchte unbedingt noch ein weiteres Herzensprojekt erwähnen: TRUST IN TRASH. Zusammen mit Pia Salzer betreibe ich eine Website und Instagram Kanal mit Tipps für einen Alltag ohne Plastik. Dazu gibt es ein wunderschönes Poster zum Thema Zero Waste Kosmetik, das über unsere Website bestellt werden kann. Wir bekommen sehr viel positives Feedback und unsere Community wächst. Das zeigt uns, dass das Interesse an diesen Themen bei vielen Menschen da ist und motiviert uns weiterzumachen.

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Jessica Könnecke
Nach einem Masterstudium in Schweden lebt und arbeitet Jess jetzt in Nürnberg. Von dort aus ging im November 2017 nach nur 5 Monaten Vorbereitung ihr Online-Shop MIT ECKEN & KANTEN live. Den Nachhaltigkeitsanspruch ihres Unternehmens lebt sie auch privat: Sie erledigt die meisten Wege mit dem Rad, lebt vorwiegend vegan und shoppt Mode entweder fair oder secondhand. Wenn sie mal Zeit findet, probiert Jessica neue Koch- und Backrezepte aus oder bringt Körper und Geist mit Hot Yoga und Spinning in Form.

 

Photo credit: Laura Michele Kniesel und Julia Stiller

 

 

 

Mary